Ein Haus wie das Leben
„Euer Haus ist ein Haus der Ausbildung für das gottgeweihte Leben und für die Mission, in einem Stadtviertel am Rand einer Metropole. Wenn jemand in dieses Haus kommt, muss er die Schönheit sehen können. Er muss verstehen, dass dies ein Ort des Friedens und der Umkehr ist. Ein Ort Gottes.“ So sagte der Ingenieur, der die Umbauarbeiten in unserem Haus leitete. Dieser Satz begleitet uns Schritt für Schritt in unserem neuen Heim.
Der Anfang
Das Haus, in dem wir heute wohnen, liegt im alten Teil des römischen Stadtviertels Magliana neben einer kleinen Kirche, die der Madonna von Pompeji geweiht ist. Wir haben es vor etwas über drei Jahren bekommen. In den zehn Jahren davor wohnte hier eine Gemeinschaft von Priestern der Bruderschaft des hl. Karl, die später in den moderneren Teil des Stadtviertels bei der neuen Kirche gezogen ist. In den siebzig Jahren davor war das Haus ein Kloster von Kapuzinern aus den Abruzzen. Als wir ankamen, stand dasHaus völlig leer. Es gab nur einige Schränke, die so alt und kaputt waren, dass man sie kaum bewegen konnte. Große Umbauarbeiten waren notwendig. Einige Teile des Hauses waren baufällig. Aber für uns war alles wie ein verheißungsvoller Anfang. Der Weg der ersten Missionarinnen des hl. Karl hatte erst zwei Jahre zuvor begonnen. Die Gestalt unseres Lebens mit seinen Rhythmen, Zeiten und Räumen begann sich gerade herauszubilden. Jedes Element unseres Lebens, die Zeiten des Gebetes und des gemeinsamen Essens bis zur Farbe der Wände, die Wahl der Kacheln und der Schränke, sahen wir im Licht dieses Anfangs. Alles wartete darauf, dass sich darin die Züge unseres neuen Gesichtes ausdrückten, das sich Gott durch unsere Berufung gedacht hat.
Das ‚Haus’ ist für uns der Raum, durch den Christus langsam in unser Leben eintreten kann, um uns in sein eigenes Leben zu führen. Es ist der Ort des gemeinsamen Lebens, des Studiums, des Gebetes und der Stille. Wir möchten außerdem, dass dieses ‚Haus’ auch – obwohl vor allemals Ausbildungsstätte gedacht – gastfreundlich ist.
Altes und Neues
Unser Haus besteht aus Altem und Neuem. Das fängt schon bei den Mauern an. Es gibt alte Zimmer und neue. Mauern aus Tuffstein vom Anfang des 20. Jahrhunderts, vom alten Kapuzinerkloster, neben Wänden aus Stahlbeton aus den letzten zwei Jahren. Von der Vergangenheit, die uns vorausgeht, sind einige Zeichen geblieben. Von diesen wollen wir das bewahren, was einen Wert hat, eine Geschichte.
Der Garten im Hof des Hauses beispielsweise war ursprünglich ganz anders als jetzt. Auf einem steilen und kahlen Gelände waren Tuffsteine angehäuft. Vom Zahn der Zeit angenagt waren inzwischen fast nur noch Bruchstücke davon übrig. Wir haben die wenigen unbeschädigten Steine gesammelt und damit die Beete eingefasst, auf denen nun zwischen den Margeriten unsere Mandarinen- und Zitronenbäume wachsen. In einem anderen Beet ranken sich Rosensträucher um eine Statue der Muttergottes. Die alten Dinge, die wir ‚ererbt’ haben, tragen so nach einer gründlichen ‚Reinigung’ zu einer neuen Schönheit bei.
Dabei geht es uns nicht um eine äußerliche Schönheit. Für uns alle galt: als wir in dieses Haus kamen, mussten wir uns von vielen ‚Reichtümern’ trennen, die früher unser Leben ausmachten: die Freunde, die Familie, ein Arbeitsplatz. Wir hatten eigenständig über unser Leben bestimmt, über unsere Zeit und unsere Räume verfügt. In dieses ‚Haus’ zu kommen, war ein erster entscheidender Schritt der ‚Armut’.
Arm und schön
In der ersten Zeit blieben die Räume unseres Hauses ziemlich karg. Wir wollten uns nicht von einer Art Abscheu vor der Leere dazu verleiten lassen, die Wände und die Zimmer instinktiv, ohne Ordnung vollzuräumen. Auch unser Haus sollte mit dieser Spannung der Vereinfachung unseres Lebens wachsen. Don Giussani hatte 1981 in einem Vortrag vor Schülern gesagt, dass man durch die Gewissheit einiger wesentlicher, großer Dinge ‚arm’ werden muss. Er hatte damals hinzugefügt, dass der Mensch nur in der Gewissheit über die wesentlichen Dinge den Raum zu gestalten, eine Architektur aufzubauen vermag: “Wenn die Hand des Menschen die Dinge berührt, ohne eine Schönheit, ohne ein Kunstwerk hervorzubringen, ist das nicht menschlich.“
Wir wollen, dass unser Haus arm ist, weil uns in Christus – und nicht in einem willkürlichen Anhäufen von Gegenständen – der Besitz von allem verheißen ist. Und wir wollen, dass jeder Raum uns an das erinnert, was unser Leben erobert hat.
Alles ist uns gegeben
Armut ist für uns der Besitz des Wesentlichen. Das Wesentliche selbst ist uns dabei geschenkt worden. Es war die Frucht der Großzügigkeit eini- ger Menschen, die an das Entstehen der Missionarinnen geglaubt haben und den Bau unseres Hauses unterstützt und mitgetragen haben. Alles ist uns gegeben in diesem Haus. Wir möchten uns dazu erziehen, die Armut zu leben und gleichzeitig unser Heim zu pflegen. Das ist für jemand, der gegenwärtig ist, der uns alles schenkt, was wir brauchen, bis hin zu den ganz konkreten Dingen.
So haben wir kein Interesse daran, viele Dinge zu haben, sondern die wenigen wichtigen, die am rechten Platz sind. Unsere Präsenz will eine Spur der Schönheit Gottes sein, die wir weder durch Luxus noch durch Nachlässigkeit trüben wollen. Wir möchten, dass das Haus, in dem wir leben und in dem wir die Menschen aufnehmen, einfach und gepflegt ist. Wir möchten, dass die Dinge, die uns umgeben, für das Leben sind. Dabei wird alles gut ausgewählt, sobald es für notwendig gehalten wird.
Aus der Unordnung, die durch den Umbau bedingt war (Mauern, die abgetragen werden mussten, Gerüste, die aufgestellt wurden
und den Weg versperrten), hat sich langsam eine Ordnung herausgebildet. Wir sind uns dabei bewusst, dass diese Ordnung und Schönheit dank bestimmter Menschen wuchs: es waren die Menschen, die uns die Fliesen für die Badezimmer geschenkt hatten, die Küche, die Stühle für den Kapitelraum und die Regale für die Bibliothek.
«Ihr seid ein Einziges»
Die landwirtschaftliche Arbeit hat uns Studenten der Bruderschaft des heiligen Karl zu einer konkreteren Beziehung zur Wirklichkeit verholfen, als wir für eine Woche in die Weinberge im Piemont fuhren. Wir lernten den Rhythmus der Natur kennen, die Grenzen, die einem durch die eigene Müdigkeit gesetzt werden, und wir entdeckten Kräfte, von denen wir nicht einmal wussten, dass wir sie hatten.
Wir arbeiteten mit Luigi, einem Landwirt, der hier weiterführt, was sein Großvater Anfang des letzten Jahrhunderts begonnen hatte. Als wir ankamen, ging es nach einer Tasse Kaffee zum Kennenlernen sofort in die Weinberge, um die Trauben für den Dolcetto d’Alba zu lesen.
Gegen Mittag unterbrachen wir die Arbeit für das gemeinsame Essen. Das war für Luigi die Gelegenheit, sein Wissen weiterzugeben. Über den Wein, die Trauben, die Erde, die Traktoren, die typischen Gerichte des Piemont und die Arbeit. Wenn ein Tag Weinreben schneiden den Wein besser werden lässt, so gaben seine Worte dem Essen vor uns auf dem Tisch und unserer Gemeinschaft einen besseren Geschmack.
In diesen Tagen ergab sich immer wieder die Gelegenheit, einige der Bauern kennenzulernen, die kamen. Sogar Neunzigjährige halfen Luigi bei der Weinlese. Wir bemerkten sofort, dass diese Leute eine etwas altertümliche, fast absurde Art hatten zu arbeiten. Sie erzählten uns vom Anfang des Weinbaus hier, vom Krieg, den Hagelschlägen, von der Freude bei der Ernte und vom Gesang, der die Weinlese begleitete. Langsam begann ich zu erahnen, dass die Frucht der Arbeit ein Fest sein kann und dass der Rhythmus und die Art zu arbeiten doch nicht so altertümlich waren, verglichen mit
denen, die uns heute Profit und Effizienz diktieren. Als wir uns schließlich verabschiedeten, sagte Luigi: «Ich bin sehr froh, dass ich euch kennengelernt habe. Was mich am meisten erstaunt ist, dass ihr ein Einziges seid.» Ja, er gebrauchte diesen merkwürdigen Ausdruck, als ob er nicht anders ausdrücken könnte, was er gesehen hatte: die Einheit unter uns und die Einheit, die zwischen ihm und uns entstanden war. Es war, als wollte Jesus uns durch Luigi sagen: «Ich bin es, der dieses Leben und diese Beziehungen entstehen lässt.» Das war die schönste Lektion, die man lernen konnte.







