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Nicht Bestatter des Alten, sondern Hebammen des Neuen

von karlsbruderschaft.org - 24. Februar 2012 ·  

Interview mit Pfarrer Romano Christen, Köln.

P. Romano, du wirst bei der nächsten Priester- und Diakonenweihe der Priesterbruderschaft dabei sein: welche empfindung wird während der Feier bei dir vorherrschend sein?
Staunen und Dankbarkeit! Das empfinde ich eigentlich bei der Spendung eines jeden Sakramentes: Taufe, Firmung, Hochzeit… Denn immer ist es Christus, der auferstandene Herr, der dann Seine Geschöpfe berührt, beschenkt, umarmt und sie in Dienst nimmt. Bei dieser Feier freue ich mich darüber, dass die so einmaligen Lebenswege der Weihekandidaten nun in der Priesterbruderschaft ihre endgültige Heimat finden und deren Personen von Christus, dem Hohenpriester, in Seinen Dienst genommen werden. In jener Stunde, in der prächtigen alt- ehrwürdigen Basilika Santa Maria Maggiore, fließen schließlich viele ‚Gnaden-Ströme’ zusammen: die Heimat der Weihekandidaten (von der fernen chilenischen Insel über Mexiko, Italien bis nach Deutschland), die ganze Vielfalt an Biographien und kulturellem Erbe, die zu deren Erfahrungshorizont gehören, aber dann auch schon die Länder, in denen die Neupriester und die Diakone bald missionarisch tätig sein werden (vom leidgeprüften Heiligen Land bis in die extremen Welten von Taiwan oder USA)… Ich werde Gott danken für all das, was zu dieser Weihe hin- geführt hat und ihm auch alle Menschen anvertrauen, die künftig durch die Neugeweihten dem lebendigen Antlitz der Kirche begegnen werden.

Es ist auch die Kirche, in der du geweiht worden bist: Wirst du auch an deine eigene Weihe zurückdenken?
Ja, sicherlich. Das bleibt die größte Stunde meines Lebens. Sie hat mich zutiefst gezeichnet und geprägt. Als unerschöpfliches Geschenk, aber auch als Auftrag und Sendung, die all mein Tun an der großen Heilsgeschichte Gottes ausrichtet und zugleich mein eigenes Können vollkommen übersteigt. Seit meiner Weihe weiß ich mich sozusagen im Abendmahlssaal beheimatet, aber auch ständig in den Getsemani versetzt. Oft fühle ich mich wie Simon von Zyrene aber dann wiederum darf ich auch die Freude Maria Magdalenas nachempfinden, die am Ostermorgen dem Auferstandenen begegnete…
Hat sich bei dir das Bewusstsein über das Priestersein seit dem Weihetag gewandelt?
Gewandelt im Sinne einer Reifung und Vertiefung. All die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben mich sehr geprägt! Und zwar sowohl die erfreulichen wie die leidvollen.

Vor allem aber haben mich die Personen, denen ich begegnen bzw. die ich begleiten durfte, geprägt. Darin besteht der eigentliche Segen, womit mich der Herr beschenkt und mich beim Vollzug meiner Berufung ‚geformt’ hat: die Lebenserfahrung der Personen, denen ich als Priester begegnet bin und mit denen ich heute den Weg teile.

Romano Christen

Was sind denn die wichtigsten Aufgaben eines Priesters?
Er ist ein Diener des Herrn. Und der beste Diener ist der, welcher die Interessen seines Herrn uneingeschränkt und selbstlos verkörpert. Zwei Bilder sind für mich in diesem Zusammenhang

besonders aussagekräftig: das des Hirten und das des Propheten. Das Bild des Hirten umschreibt besonders den Seelsorger, der begleitet und stärkt: vor allem durch die Sakramente und die persönliche Begleitung. Das Bild des Propheten weist auf die kühne Aufgabe hin, auf den Horizont Gottes zu verweisen, das befreiende Urteil auszusprechen und dazu herausfordern – oft gegen den Strom gehend – den Ruf Gottes bis ins Knochenmark des eigenen Menschseins hinein ein- wirken zu lassen. Vom heiligen Paulus bis zu Johannes Paul II., von Don Giussani bis Karl Leisner sind es viele, die mir in diesem Sinne ein Beispiel sind.
Worin besteht für dich die größte Herausforderung und worin der größte Schmerz im priesterlichen Dienst?
Es gibt viele Situationen und Umstände, die mich herausfordern und auch überfor-dern. Letztendlich hängt aber alles von meiner eigenen Verankerung in Christus ab. Somit besteht die eigentliche Herausforderung in der eigenen Umkehr, im täglich neuen Ja zu Seinem Ruf. Was den größten Schmerz ausmacht kann ich eindeutig benennen: nicht so sehr, wenn ‚Dinge’ falsch laufen oder misslingen, wohl aber wenn ich sehe, wie Menschen sich dem Herrn und der Kirche gegenüber entfremden. Das tut wirklich weh. Wenn ich es bei Jugendlichen sehe, ist es für mich irgendwie besonders schmerzhaft.

Gibt es auch Versuchungen?
Ja, ständig! Die beiden schlimmsten sind wohl: erstens, die oft auftretende Neigung, sich ein ruhiges, gemütliches bürgerliches Leben einzurichten; zweitens, sich von der Sympathie bzw. dem Applaus von anderen abhängig zu machen. Kurzum: es ist die ‚alte’ Versuchung der genussreichen Egozentrik. Ein fürchterliches Übel!

Und was hilft, diese Versuchungen zu bekämpfen?
Eigentlich fängt es schon damit an, bewusst das Kreuzzeichen zu machen – dann wird man gleich in die angemessene Haltung versetzt. Konkret aber sind es die Liturgie (Eucharistie und Beichte), die persönliche Stille und das persönliche Gebet; ganz wesentlich aber auch die tägliche, konkrete Wegbegleitung durch meine Mitbrüder in der Hausgemeinschaft. Und nicht zuletzt die Begleitung durch Freunde, womit mich der Herr reichlich beschenkt hat – was ich sehr zu schätzen weiß!

Die Hausgemeinschaft als Korrektiv?
Ja, das ist ein wichtiger Aspekt. Aber sie ist weitaus mehr: sie ist Berufungsgemeinschaft. Es sind die Weggefährten, die der Herr mir an die Seite stellt, um mich konkret zu begleiten. Es ist also Stachel zur Umkehr und Trost, der aufrichtet, Humor, der entkrampft, und Urteil, das den Horizont weitet. Je mehr die Jahre vergehen, desto wichtiger wird mir dieser Ort und zwar in einer in zunehmendem Maße nüchternen Weise (also überhaupt nicht im Sinne einer Kuschelecke). Auch in unseren vier Wänden (wohl wie in jeder Familie) Menschheit es sehr – und doch ist das Haus mit seinen Personen und mit seiner Regel ein sehr objektives Werkzeug der Bekehrung und des Friedens.

In den letzten Monaten hat das Thema Zölibat wieder viele Schlagzeilen gemacht…
Das wundert mich nicht. Denn diese Lebensform geht gegen den Strom. Bei Gesprächen in der Pfarrei ist mir in den vergangenen Monaten nochmals bewusst geworden, wie sehr das Verständnis für das Große und Schöne dieser Berufung verloren gegangen ist. Immer und immer wieder bin ich auf jene Erfahrungen verwiesen worden, wo der Zölibat negativ gelebt wurde. Für mich war es freilich von Anfang an etwas Faszinierendes: mitten in der Jugend und der Zeit, wo mich manche Woge des Verliebtseins heimgesucht hatte, war die Vorstellung, so leben zu können, wie Jesus selbst gelebt hatte, anziehend: eine Lebensform, die konkret und affektiv unmittelbar an Ihn bindet und auf Ihn verweist. Nicht der Gedanke Pfarrer zu werden, nicht der Weihrauchduft von Sakristeien oder pfarrliche Aktionen rund um den Pfarrgemeinderat haben mich fasziniert, sondern diese Ganzhingabe. Und für mich bleibt diese besondere Berufung die stärkste Ressource meines pastoralen Dienstes. Darüber hinaus bin ich felsenfest überzeugt, dass nicht die Aufhebung des Zölibats die herbeigesehnte Erneuerung der Kirche bewirken wird, sondern das existentielle Verankertsein in Christus – wovon der zölibatär lebende Mensch ein besonderer (freilich nicht der einzige!) Zeuge ist.

Du bist seit über 30 Jahren in Deutschland und seit knapp 20 Jahren Priester. Was sagst du zur Kirche in unserem Land?
Da könnte man ein Buch schreiben! Im Wesentlichen zwei Beobachtungen: Erstens: in all den Jahren durfte ich vielen beeindruckenden Glaubenszeugen begegnen!
Es handelt sich freilich in der Mehrzahl um die Generation von Menschen, die unmittelbar vor oder während des Zweiten Weltkrieges aufgewachsen sind. Mehr oder weniger unscheinbar haben sie ihren Alltag in der Kraft und der Tiefe des Glaubens gelebt. Ja, die Kirche hat in diesem Land viele Heilige (auch ohne Heiligenschein) hervorgebracht! Zweitens: Wir leben (wie es inzwischen alle laut sagen) in einer Zeit des Umbruchs. Man muss sich nichts vormachen: es wird einen äußerlich sichtbaren und innerlich schmerzhaftten Zusammenbruch geben (an Zahlen der Gottesdienstbesucher, an Werken und Initiativen). Wie so oft in der Kirchengeschichte ist das aber auch die Chance einer Erneuerung. Diese spielt sich aber nicht in erster Linie auf der Ebene von Strukturen ab, sondern von persönlicher Glaubenserneuerung und Gemeinschaftserfahrung. Es ist nicht einfach, aber doch spannend, in dieser Zeit zu leben – und zwar nicht als Bestatter des Alten, sondern hoffentlich als Hebammen des Neuen.

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